Die vollständige Maus von Art Spiegelman

Die vollständige Maus von Art SpiegelmanDie vollständige Maus von Art Spiegelman

Die vollständige Maus gilt nicht nur unter Comicfans als Meilenstein in der Geschichte der Graphic Novels und als Beleg dafür, dass diese Gattung längst ihren (Superhelden-) Kinderschuhen entwachsen ist und als ernstzunehmende Kunstform wahrgenommen zu werden hat. Nicht umsonst hat der Autor und Zeichner Art Spiegelman 1992 den Pulitzer-Preis für diese Leistung erhalten.

Die vollständige Maus erzählt die autobiografische Geschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman – Art Spiegelmans Vater – in zwei Teilen.
Mein Vater kotzt Geschichte aus konzentriert sich dabei auf Wladeks Leben im Polen der 30er Jahre. Wie er seine Frau Anja kennenlernt und ihr Sohn Richelieu geboren wird, wie er versucht, trotz des zunehmendem nationalsozialistischen Terrors seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Und wie diese Bemühungen zuerst bedroht und dann schließlich zerstört werden.
Und hier begann mein Unglück knüpft mit dem Überlebenskampf Wladeks und Anjas in Ausschwitz und Birkenau nahtlos an das erste Album an. Es schildert eindringlich das Grauen in den KZs, erzählt von Hunger, Krankheit und dem allgegenwärtigen Tod.

Allerdings ist Die vollständige Maus weit mehr als „nur“ die autobiografische Geschichte eines polnischen Juden zu Zeiten des Holocaust, denn diese stellt gerade mal eine von insgesamt drei Erzählebenen dar. Die zweite Ebene spielt im New York der späten 70er Jahre und thematisiert das ambivalente Verhältnis des Autors zu seinem Vater. Zwar zeigt Art Spiegelman ihn hier als schwierigen Menschen, der aufgrund seines ausgeprägten Misstrauens und Geizes sein soziales Umfeld auf Abstand hält. Gleichzeitig schafft er es aber auf beinahe liebevolle Weise, seine Bewunderung für den unbedingten Überlebenswillen seines Vaters und die Raffinesse und den Einfallsreichtum, mit denen er diesen in die Tat umzusetzen wusste, zum Ausdruck zu bringen. Hierbei wird deutlich, wie stark ein so traumatisierendes Ereignis wie der Holocaust sich auf eine Familie über mehrere Generationen hinweg auswirken kann: Wladek hat Schuldgefühle, überlebt zu haben, wo doch so viele andere haben sterben müssen. Und Art wiederum ist sich darüber bewusst, wie privilegiert sein Leben im Vergleich zu dem ist, was sein Vater hat durchleiden müssen und verübelt Wladek insgeheim, ihm diese Tatsache ständig vor Augen zu führen.
In der dritten Erzählebene reflektiert Art Spiegelman den Schaffensprozess von Maus. Spätestens hier wird klar, wie sehr der Umgang mit der eigenen Familiengeschichte den Autor belastet, aber eben auch, wie stark er sich über diese definiert.

Was die bildliche Ebene von Maus anbetrifft, so muss ich gestehen, dass mir Spiegelmans Stil zuerst nicht zugesagt hat: Sämtliche Zeichnungen sind in hartem schwarz-weiß gehalten, die Linien sind dick und schwer, was in Kombination mit den großflächig verwendeten Schraffuren erdrückend wirkt. Und während die Hintergründe eher realistisch gehalten sind, werden die Personen als Tiere dargestellt. Das erinnert natürlich stark an das Genre der Fabel und war somit für mich in diesem Kontext gewöhnungsbedürftig. Aber es macht durchaus Sinn, Nazis als Katzen, Juden als Mäuse und Amerikaner als Hunde darzustellen: Juden wurden in antisemitischen Hetzschriften und Propagandafilmen oft als Ungeziefer diffamiert, und Zyklon B war eigentlich ein Ungeziefervernichtungsmittel, bevor es durch seine Verwendung in den Gaskammern der KZs traurige Berühmtheit erlangte. Katzen jagen nun mal Mäuse, und Hunde jagen wiederum Katzen.
Somit ist Maus wohl ein gutes Beispiel dafür, dass der Zeichenstil einer Graphic Novel nicht immer gefallen muss. Wichtiger ist vielmehr, dass er das Erzählte spiegelt, vielleicht sogar ergänzt.

Die vollständige Maus ist alles andere als leichte Kost. Durch die Verwendung von Tiermetaphern zwar weichgezeichnet aber dennoch eindringlich, führt dieses Buch dem Leser den von den Nationalsozialisten propagierten Hass auf alles Fremde und damit einhergehenden Mangel an Empathie gegenüber dem Schicksal Anderer auf schmerzhafte Weise vor Augen. Ich erinnere mich, es mehrmals aus der Hand gelegt und zwischenzeitlich sogar ein anderes Buch gelesen zu haben, was absolut nicht meinem normalem Leseverhalten entspricht. Dennoch wünschte ich mir, Die vollständige Maus würde zur Pflichtlektüre in deutschen Schulen gemacht werden. Geschichtsbücher sind gut, um Fakten und Zahlen zu vermitteln. Um etwas so Furchtbares wie den Holocaust und dessen Auswirkungen wirklich verständlich zu machen, bedarf es aber eines Buches wie Maus.

One thought on “Die vollständige Maus von Art Spiegelman

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.