Ghost World von Daniel Clowes

Ghost World von Daniel ClowesGhost World von Daniel Clowes

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Lektüre von Ghost World hat mich ein wenig ratlos zurückgelassen. Zwar bin ich nicht wirklich enttäuscht – dafür gab es zu viele Aspekte an dem Comicroman, die mir gut gefallen haben. Aber der von Kritikern häufig gezogene Vergleich zu Der Fänger im RoggenLink zu J. D. Salingers Buch Der Fänger im Roggen auf Amazon hat meine Erwartungshaltung anscheinend dermaßen in die Höhe geschraubt, dass sie letztendlich wohl nicht mehr erfüllt werden konnte.
Ghost World skizziert episodenhaft das Leben von Enid Coleslaw und Rebecca Doppelmeyer, zwei Freundinnen, die nach ihrem High-School-Abschluss noch nicht so recht wissen, wie sie den Sprung ins Erwachsenenleben schaffen sollen. Also streifen sie durch ihre Heimatstadt und beobachten und verspotten sowohl alte Bekannte als auch völlig Fremde. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher wird, dass sich das Machtgefüge innerhalb ihrer Freundschaft zu verschieben beginnt: Rebecca, die anfangs aufgrund ihrer ruhigen und im Vergleich zu Enid eher gemäßigten Persönlichkeit die Rolle der Mitläuferin innehat, emanzipiert sich zunehmend und beginnt, ihren eigenen Weg zu gehen. Enid hingegen, die nach außen hin zwar gerne Stärke und Gleichgültigkeit gegenüber dem Urteil anderer demonstriert, in Wahrheit aber mit Selbstzweifeln zu kämpfen hat, ringt weiterhin um eine eigene Identität.

Wie bereits erwähnt, wird Ghost World häufig mit Der Fänger im RoggenLink zu J. D. Salingers Buch Der Fänger im Roggen auf Amazon von J. D. Salinger verglichen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass in beiden Werken, der Logik des klassischen Bildungsroman folgend, kaum Handlung stattfindet und das Hauptaugenmerk auf die Entwicklung der Protagonisten gelenkt wird, die ziellos durch eine Stadt irren. Dabei gibt es aber einen bedeutsamen Unterschied: Enids Urteil über andere Menschen ist geprägt von Zynismus und Bitterkeit, ihre Einlassungen wirken dabei oft pseudo-intellektuell und gehässig.
Holden Caulfield hingegen, der Protagonist von Der Fänger im RoggenLink zu J. D. Salingers Buch Der Fänger im Roggen auf Amazon, hadert mit den hohen moralischen Ansprüchen, die er sowohl an sich selbst als auch an seine Mitmenschen stellt; gerade die Charaktereigenschaft, der Holden die größte Bedeutung beimisst, nämlich die Fähigkeit zur Empathie gegenüber Anderen, scheint bei Enid nur sehr gering ausgeprägt zu sein.

Damit sind wir auch schon bei meinem zugegebenermaßen sehr persönlichen Hauptkritikpunkt an Ghost World angelangt: Enids Charakter. Ich gehöre mit Sicherheit nicht zu der Sorte Leser, die vom Autor sympathische Protagonisten erwartet – dafür haben mir Patrick Süskinds Das ParfumLink zu Patrick Süskinds Buch Das Parfum auf Amazon und Bret Easton Ellis‘ American PsychoLink zu Bret Easton Ellis' Buch American Psycho auf Amazon zu gut gefallen! Aber Enids Angewohnheit, völlig fremde Menschen aufs Gehässigste zu bewerten, hat mich bereits im ersten Kapitel einfach nur noch genervt. Als ich nach Beenden der Lektüre dann in dem Wikipedia Eintrag zu Ghost World lesen musste, dass Enid Coleslaw ein Anagram für Daniel Clowes ist (ja, es ist mir beim Lesen tatsächlich nicht aufgefallen) und dass der Autor viel von sich selbst in dieser Figur sieht, habe ich mich zwar richtig schlecht deswegen gefühlt. Geändert hat es an meiner Abneigung aber nichts.

Positiv hervorheben möchte ich, dass es Clowes mit seinem Zeichenstil wirklich ganz fabelhaft gelingt, sowohl die namenlose Stadt, in der Enid und Rebecca umherstreifen, als auch die Menschen, die in ihr leben, zu charakterisieren. Die Hintergründe konzentrieren sich auf das Wesentliche, die Diners und Einkaufszentren, in denen unsere beiden Heldinnen sich herumtreiben, werden dem Namen des Comicromans entsprechend unpersönlich und beliebig dargestellt. Somit wird das Auge des Betrachters unweigerlich auf die exakt getroffene Gestik und Mimik der Figuren gelenkt, was für die Handlung der Geschichte essenziell ist.
Auch die Entscheidung, die Panels zweifarbig zu halten (grün-schwarz in der Comicroman-Ausgabe, blau-schwarz in der originalen Eightball-Ausgabe), unterstreicht die Grundstimmung der Geschichte.

Generell reizt Clowes das Medium Comic perfekt aus: So visualisiert er Enids Selbstzweifel und Identitätsprobleme durch ständig wechselnde und immer schräger werdende Outfits und Frisuren. Und Enids und Rebeccas Freundschaft charakterisiert er in nur zwei Panels – und das bereits noch bevor das erste Kapitel beginnt (ich beziehe mich hier wieder auf die englischsprachige Graphic Novel-Ausgabe): Das erste Panel, das vor der Inhaltsangabe gedruckt ist, zeigt Enid und Rebecca als junge Mädchen vor einem Grab stehend. Es ist unklar, ob es sich hierbei um das Grab von Enids Mutter oder Rebeccas Eltern handelt. Das zweite Panel, unmittelbar nach der Inhaltsangabe gedruckt, zeigt beide in den typischen High-School-Abschlussroben. Mehr Panels benötigt Clowes nicht, um die innige Verbindung zwischen den beiden Mädchen zu illustrieren.

Somit bin ich, wie eingangs erwähnt, ein bisschen ratlos, was die Bewertung dieses Comicromans anbetrifft. Weder an Clowes Zeichenstil, noch an den pointierten Dialogen gibt es etwas aussetzen. Dennoch lassen mich die beiden Heldinnen auf seltsame Weise kalt; es war mir schon während des Lesens egal, wie es für sie weitergeht. Aber wer weiß: Vielleicht hätte ich Ghost World einfach nur zehn Jahre früher entdecken müssen, um zu einem völlig anderen Schluss zu gelangen!

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