Persepolis von Marjane Satrapi

Persepolis von Marjane SatrapiPersepolis von Marjane Satrapi

Zugegeben: Mein Bild des heutigen Iran ist geprägt von den Schlagzeilen der deutschen Presse, und die handeln meist von Wirtschaftssanktionen, Atomstreit oder der Unterdrückung des iranischen Volkes durch den Wächterrat. Dazu eine ordentlich Prise orientalischer Exotik aus den Tagen des persischen Großreiches, perfekt inszeniert in Filmen wie AlexanderCover zum Film Alexander, und fertig ist das Gemisch aus Klischees und Vorurteilen, das wohl den meisten Europäern im Kopf herumwabern dürfte, wenn es um dieses geschichtsträchtige Land geht. Höchste Zeit also, das zu ändern!

Persepolis erzählt anekdotenhaft aus dem Leben der rebellischen Marjane, die zurzeit der Islamischen Revolution und des Ersten Golfkriegs im Iran aufwächst. Zunächst ist das Leben der Zehnjährigen sorgenfrei und wohlbehütet: Ihre Eltern sind Linksintellektuelle, die gegen den Schah auf die Straße gehen und ihrer wissbegierigen Tochter eine moderne Ausbildung ermöglichen. Sie ermutigen sie dazu, ihre eigene Meinung zu äußern und Dinge kritisch zu hinterfragen. Als der Schah ins Ausland flieht, Ayatollah Chomeini aus dem Exil zurück in den Iran kehrt und kurz darauf die Islamische Republik ausgerufen wird, ändert sich das Alles jedoch schlagartig. Plötzlich müssen bereits kleine Mädchen das Kopftuch anlegen, in den Schulen wird nur noch das gelehrt, was den Mullahs als angemessen erscheint, und auf den Straßen pa­t­rouil­lie­ren die Revolutionswächter, um jeden noch so kleinen Verstoß gegen die Gesetze des Gottesstaates zu ahnden. In diesem repressiven Klima kann jeder Nachbar, Kollege oder Lehrer zum Spitzel und Denunzianten werden, und so wird das ehemals erwünschte selbstbewusste und kritische Verhalten der Tochter zur Gefahr für sie selbst und die ganze Familie. Als dann auch noch der Irak den Iran überfällt, täglich Bomben niedergehen und Raketen einschlagen, entschließen sich die Eltern schweren Herzens, die erst 14-jährige Marjane alleine nach Österreich zu schicken …

Marjane Satrapi, die Zeichnerin und Autorin des Comics und Regisseurin des gleichnamigen Films, hat in Interviews mehrfach betont, dass Persepolis keine Autobiografie sondern vielmehr Autofiktion sei: Zwar stimmten die Ereignisse im Großen und Ganzen mit ihrem Leben überein, doch sei auch so Manches weggelassen oder abgeändert worden. Nichtsdestotrotz ist es ein sehr ehrliches und mutiges Buch geworden, denn Satrapi beschönigt nichts. So erzählt das Kapitel Das Make-Up, wie Marjane einen ihr völlig unbekannten Mann fälschlicherweise bezichtigt, ihr „unzüchtige Anträge“ gemacht zu haben, um so der eigenen Verhaftung durch die Revolutionswächter zu entgehen – wohlwissend, welche Konsequenzen diese Lüge für den Verleumdeten haben kann. Angst lässt eben häufig die hässliche Seite in uns Menschen zum Vorschein kommen, und auch die sonst so freche und mutige Marjane scheint nicht immun dagegen zu sein.

Was den Zeichenstil von Persepolis anbetrifft, so genügt bereits ein Blick ins Buch, um den großen Einfluss von Art Spiegelmans Maus auf die Künstlerin zu erkennen: Es gibt keine Grautöne, nur dicke Linien in harten schwarz-weiß Kontrasten. Doch während Spiegelman in Maus mit teils aufwendigen Schraffuren und detaillierten Hintergründen arbeitet, ist Satrapis Zeichenstil betont einfach und schnörkellos gehalten – orientalische Ornamente sucht man hier vergebens. Ebenso aufgeräumt und schnörkellos ist die Sprache von Persepolis, wodurch  die Dialoge häufig etwas naiv, aber eben auch authentisch wirken.

In dem Vorwort von Persepolis schließt Satrapi mit der Erkenntnis ab, dass eine relativ kurze Zeitspanne in der bald 6000-jährigen  Geschichte des Iran dafür verantwortlich sei, dass das Land heute in Europa hauptsächlich mit „Fundamentalismus, Fanatismus und Terrorismus“ gleichgesetzt werde. Ihr Ziel sei es zu zeigen, dass dieses Bild nur auf eine extremistische Minderheit innerhalb der iranischen Nation zutreffe. Und das ist ihr mit ihrem Comicroman über die aufmüpfige und selbstbewusste Marjane, der ja auch die Geschichte ihrer Heimat erzählt, bestens gelungen!

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