Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz

Haarmann von Peer Meter und Isabel KreitzHaarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz

„Warte, warte nur ein Weilchen / dann kommt Haarmann auch zu Dir / mit dem kleinen Hackebeilchen macht er / Schabefleisch aus Dir.“

Die erste Strophe des sogenannten Haarmann-Liedes konnte zuzeiten der Weimarer Republik wohl jedes Kind mitsingen; und auch heute noch zählt der „Vampir von Hannover“ zu den bekanntesten deutschen Serienmördern des 20. Jahrhunderts. Es wundert daher nicht, dass sowohl die Person Fritz Haarmann als auch seine Taten bereits mehrfach künstlerisch aufgearbeitet wurden (z.B. in dem Film Der Totmacher mit Götz George in der Hauptrolle). Auch Peer Meter hat in seiner Serienmörder Trilogie dieses düstere Kapitel neuerer deutscher Geschichte aufgegriffen und dabei insbesondere den gesellschaftlichen Kontext beleuchtet, der die Verbrechen in diesem Ausmaß überhaupt erst ermöglicht hat.

Dabei beschäftigt sich der Comicroman Haarmann weder historisch korrekt noch vollständig mit den Geschehnissen; es geht auch nicht darum, auf möglichst detaillierte und blutrünstige Weise alle 24 Morde, die Haarmann im Laufe seines Gerichtsprozesses nachgewiesen werden konnten, darzustellen. Vielmehr sollte man sich bei dem Album auf ein Sittengemälde der damaligen Zeit einstellen, das episodenhaft die Umstände skizziert, die zur Verhaftung des Triebtäters führten. Daher verrate ich auch nichts von der Handlung, wenn ich an dieser Stelle ein wenig ausführlicher auf Haarmanns Leben eingehe …

Die Biographie von Friedrich Heinrich Karl Haarmann, der 1879 in Hannover geboren wurde, ließ schon früh auf schwere psychische Störungen schließen: Nach abgebrochener Schlosserlehre wurde er bereits nach kurzer Zeit aus der Unteroffiziersschule entlassen, da er an Halluzinationen zu leiden schien. Arbeits- und orientierungslos wurde er kurze Zeit später auch das erste Mal strafrechtlich auffällig: Er missbrauchte mehrere Nachbarskinder sexuell und wurde dafür in die Heilanstalt Hildesheim eingewiesen, die ihm „unheilbaren Schwachsinn“ attestierte. Nach mehreren Fluchtversuchen gelang es ihm, sich in die Schweiz abzusetzen. Es dauerte aber nicht lange, bis es ihn wieder zurück nach Hannover zog. 1900 wurde er in den Militärdienst einberufen, aber auch hier bereits kurze Zeit später wieder unehrenhaft entlassen, nachdem er als „erheblich schwachsinnig“ eingestuft worden war. Von da an schlug er sich hauptsächlich mit Diebstählen und Betrügereien durch, weswegen er den I. Weltkrieg auch im Zuchthaus verbrachte. 1919 lernte Haarmann Hans Grans kennen, den man wohl als die Liebe seines Lebens bezeichnen muss: 22 Jahre jünger, gutaussehend und aus bürgerlichen Verhältnissen stammend, war Grans nicht nur sein Geliebter und Mitbewohner, sondern auch sein Geschäftspartner. Zusammen betrieben sie einen Altkleiderhandel, der in den Nachkriegsjahren, in denen es an allem mangelte, florierte. Wegen seiner Kontakte in die Kleinkriminellenszene wurde Haarmann von der Polizei auch als Spitzel eingesetzt, was zu dieser Zeit zwar nicht unüblich war, allerdings auch dazu führte, dass seinem mörderischen Treiben trotz frühzeitig bestehender Verdachtsmomente erst viel zu spät ein Ende gesetzt wurde …

Nun zurück zur eigentlichen Handlung von Haarmann: Diese setzt im Mai 1924 ein und beleuchtet, wie bereits erwähnt, die Umstände, die letztendlich zur Verhaftung des Serienmörders einen Monat später führten. Peer Meter legt hierbei großen Wert darauf, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu porträtieren, die zuzeiten der Weimarer Republik herrschten: Armut und Mangel bestimmen den Alltag – die Menschen sind so damit beschäftigt, das Nötigste zum Leben aufzutreiben, dass sie keine Fragen mehr stellen, woher das verdächtig billige Fleisch und die Kleidung eigentlich kommen, die Haarmann da verkauft. Und auch für das Schicksal der vielen jungen Männer, die Haarmann mithilfe der Aussicht auf Nahrung, Kleidung und Unterschlupf in seine Wohnung lockt, interessiert sich kaum jemand. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt, ist sich selbst der Nächste. Das ändert sich allerdings schlagartig, als spielende Kinder in der Leine innerhalb kürzester Zeit fünf Menschenschädel finden: Es bricht Angst in der hannoverschen Bevölkerung aus und die Polizei gerät unter Druck, möglichst schnell Ergebnisse zu liefern …

Neben Meters sorgfältig ausgewählten Szenen und Dialogen tragen besonders Isabel Kreitz‘ detailverliebte Bleistiftzeichnungen dazu bei, Stimmung und Leben im Hannover der 20er Jahre glaubwürdig darzustellen. Besonders hervorzuheben ist hierbei wohl die Qualität der Panels, die die Häuserschluchten der Hannoverschen Altstadt mit ihren engen Gassen zeigen; mich haben bisher wirklich nur sehr selten Comiczeichnungen dermaßen beeindruckt! Auch gefallen hat mir der historische Überblick, den der Autor über die gesellschaftlichen Verhältnisse zuzeiten der Weimarer Republik und über die Personen, die in den Fall Haarmann involviert waren, am Ende des Buches zusammengestellt hat.

So gibt es eigentlich nur eine, wenn auch nicht gerade unerhebliche Sache, die ich an diesem außergewöhnlichen Comicroman auszusetzen habe: Die Darstellung des Protagonisten selbst! Haarmann kam mir irgendwie farblos vor, seine Persönlichkeit wurde für mich als Leser nicht wirklich greifbar. Das war wahrscheinlich eine bewusste Entscheidung des Autors – ein weiterer Versuch zu erklären, wie es sein kann, dass jemand unbehelligt solch monströse Taten inmitten eines dicht besiedelten Wohnviertels begehen kann. Und vielleicht war es auch tatsächlich so, dass Haarmanns verdächtiges Verhalten aufgrund seines unscheinbaren Auftretens so lange von seinen Mitmenschen ignoriert wurde.  Aber mein Geschmack als Leser wurde mit dieser Art der Charakterisierung leider nicht getroffen; ein paar Ecken und Kanten hätten die historische Person Fritz Haarmann für mich glaubwürdiger erscheinen lassen!

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