Locke & Key von Joe Hill und Gabriel Rodriguez

Locke & Key von Joe Hill und Gabriel RodriguezLocke & Key von Joe Hill und Gabriel Rodriguez

In der Neurowissenschaft gibt es den Begriff der „neuronalen Plastizität“: Einschneidende Erlebnisse beeinflussen die synaptischen Verschaltungen in unserem Gehirn, die sich wiederum auf unser Denken und Fühlen auswirken. Vereinfacht ausgedrückt: Die Persönlichkeit eines Menschen wird maßgeblich durch die Summe seiner Erfahrungen geprägt. Ist somit die Entwicklung vorgegeben, wenn man als Kind ein schweres Trauma durchlitten hat? Oder hat man bei der eigenen Identitätsfindung mehr Handlungsspielraum, als es die moderne Wissenschaft suggeriert? Um diese Fragen kreist die grandiose 6-teilige Comic-Reihe Locke & Key der beiden Ausnahmekünstler Joe Hill und Gabriel Rodriguez.


Die Familie Locke verbringt den Sommer mit der Renovierung eines alten Farmhauses, als eines Tages plötzlich zwei Schüler des Vaters vor der Tür stehen – bewaffnet mit einer Axt und einem Revolver. Sie vergewaltigen die Mutter und erschießen den Vater, bevor sie durch die verfrühte Rückkehr der drei Kinder Tyler (16),  Kinsey (14), und Bode (6) überrascht und letztendlich überwältigt werden können. Wenige Minuten reichen, um die scheinbar heile Welt der Familie zum Einsturz zu bringen und so entschließt sich Mutter Nina dazu, dem Wunsch ihres verstorbenen Mannes Rendell nachzukommen und mit den Kindern nach Lovecraft zu ziehen, wo sich der alte Familiensitz der Lockes befindet.
Während Nina ihren Kummer mit Alkohol bekämpft, Tyler an Schuldgefühlen zu zerbrechen droht und Kinsey mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen hat, ist der kleine Bode weitgehend auf sich selbst gestellt. So ist er es auch, der bei seinen Streifzügen durch das Anwesen nach und nach auf eine ganze Reihe magischer Schlüssel stößt, die dem Besitzer zu ganz besonderen Fähigkeiten verhelfen. So ermöglicht es z.B. der Geist-Schlüssel, den eigenen Körper zu verlassen und als Geist umherzuwandeln, während man mit dem Kopf-Schlüssel nicht nur unliebsame Gedanken und Gefühle aus einem Kopf entfernen, sondern auch umgekehrt, Informationen und Ideen einpflanzen kann.
Doch magische Schlüssel sind nicht das Einzige, was der kleine Bode beim Herumstreunen entdeckt: Im Brunnen von Keyhouse fristet eine Kreatur ihr Dasein, die genauso einsam zu sein scheint wie Bode. Und diese Kreatur verlangt nach dem Schlüssel zu einer Tür, die niemals geöffnet werden darf …

Eine Warnung vorweg: Locke & Key ist noch viel düsterer und gruseliger, als es meine kurze Inhaltsbeschreibung vermuten lässt. Was auch nicht weiter verwundert, wenn man bedenkt, dass die Geschichte aus der Feder von Joe Hill stammt – dem ältesten Sohn des Mannes, dem ich auch mit Mitte 30 noch ein pathologisches Verhältnis zu Clowns zu verdanken habe! Horror und psychologische Abgründe sind eine Spezialität des Hauses King und so wird auch in dieser Geschichte wahrlich nicht damit gegeizt.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, findet in Locke & Key eine erstaunlich vielschichtige Erzählung: Die Comic-Reihe ist eben nicht nur ein modernes Horror-Märchen, sondern will vor allem auch als Familien- und Psychodrama verstanden werden. Dabei geht es nicht nur um den Verlust eines geliebten Menschen, sondern auch um Schuld: Einst hat Rendell im jugendlichen Leichtsinn einen schweren Fehler begangen, der nun auch das Leben seiner Kinder bedroht. Und Tyler wiederum versucht, seine (vermeintliche) Schuld am Tod des Vaters nicht zum alles bestimmenden Thema seines Lebens werden zu lassen. Doch inwieweit lässt sich die eigene Persönlichkeit vor den Folgen solch einschneidender Erlebnisse schützen und macht das überhaupt Sinn? Kinsey treibt diesen Gedanken im 2. Band Psychospiele auf die Spitze: Sie lässt sich all die Traurigkeit und Ängste, die der gewaltsame Tod ihres Vaters in ihr ausgelöst haben, kurzerhand  mithilfe des Kopf-Schlüssels entfernen. Doch die Person, die sie nun ist, tut Dinge, die die wahre Kinsey nicht gut geheißen hätte …

Mehr möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht über diese außergewöhnliche Comic-Reihe verraten, außer vielleicht noch Folgendes: Locke & Key gehört für mich zu den wenigen Comics, die vom ersten bis zum letzten Band in sich stimmig bleiben – sowohl was die erzähltechnische- als auch die künstlerische Ebene anbetrifft. Man merkt einfach, dass hier nur ein Autor und ein Illustrator das Zepter in der Hand hatten, die beide auch noch mit außergewöhnlichem Talent gesegnet sind!

Die komplette Locke & Key-Reihe:
1.Band: Willkommen in Lovecraft
Cover des Comics Locke & Key: Willkommen in LovecraftCover des Comics Locke & Key: Willkommen in Lovecraft

2. Band: Psychospiele
Cover des Comics Locke & Key: PsychospieleCover des Comics Locke & Key: Psychospiele

3. Band: Die Schattenkrone
Cover des Comics Locke & Key: Die SchattenkroneCover des Comics Locke & Key: Die Schattenkrone

4. Band: Die Schlüssel zum Königreich
Cover des Comics Locke & Key: Die Schlüssel zum KönigreichCover des Comics Locke & Key: Die Schlüssel zum Königreich

5. Band: Uhrwerke
Cover des Comics Locke & Key: UhrwerkeCover des Comics Locke & Key: Uhrwerke

6. Band: Alpha & Omega
Cover des Comics Locke & Key: Alpha & OmegaCover des Comics Locke & Key: Alpha & Omega

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