Fahrenheit 451 von Ray Bradbury und Tim Hamilton

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury und Tim Hamilton

Ich muss gestehen, dass ich dem momentanen Hype, Klassiker als Graphic Novels neu aufzulegen, durchaus kritisch gegenüberstehe: Nur weil etwas in einem Medium ein Meisterwerk ist – oder auch einfach nur auf einer Bestseller-Liste gelandet ist – muss es nicht immer gleich in ein anderes Medium übertragen werden; ein Problem, das vielen Filmfans bekannt vorkommen dürfte! Aber im Fall von Fahrenheit 451 hat dann doch meine Neugierde gesiegt. Schließlich hatte ich mit dem Original (dessen Lektüre schon ein Weilchen zurückliegt) so meine Probleme und wollte nun doch gerne wissen, ob die Comic-Adaption dazu in der Lage ist, meinen damaligen Eindruck zu revidieren.
Aber von vorne …

Für alle, die Fahrenheit 451 noch nicht gelesen haben: In der Geschichte geht es um Guy Montag, dessen Leben aufgrund seiner Begegnung mit der 17-jährigen Clarisse McLellan in nur wenigen Wochen vollständig aus den Fugen gerät. Guy ist Feuerwehrmann, doch statt Feuer zu löschen, legt er welche. Denn in seiner Welt gibt es schon lange keine spontanen Brände mehr, die Gebäude sind vollständig feuersicher. Stattdessen rückt die Feuerwehr Nacht für Nacht aus, um Bücher zu verbrennen – diese wurden als Sinnbild für eigenständiges Denken und Bildungsdünkel bereits vor langer Zeit als Wurzel allen Übels identifiziert. Wohlgemerkt nicht von irgendeiner autoritären Regierung, sondern von der Bevölkerung selbst, die sich lieber rund um die Uhr von omnipräsenten Videoleinwänden und aufwendigen Sportveranstaltungen berieseln lässt, als sich mit den Problemen der realen Welt auseinanderzusetzen! Also werden Buchbesitzer inhaftiert und ihre Häuser mitsamt den Büchern verbrannt. Montag, der dieses System als Feuerwehrmann über ein Jahrzehnt hinweg mitgetragen hat, ohne es jemals zu hinterfragen, überkommen nach seiner Begegnung mit Clarisse plötzlich Zweifel. Denn dieses Mädchen ist mit ihrer Neugierde und Begeisterung für die Natur so ganz anders: Anders als seine Frau Mildred, die ihr Dasein zugedröhnt vor der heimischen Videoleinwand fristet und die Schauspieler als ihre „Familie“ bezeichnet. Anders als seine Kollegen, die sich für nichts und niemanden interessieren, nicht einmal für die körperliche Unversehrtheit derer, die sie bei ihren nächtlichen Einsätzen aufsuchen. Und auch anders als er selbst, der sich gar nicht mehr daran erinnern kann, wann er eigentlich das letzte Mal etwas gefühlt hat…

Bevor ich nun zu der Graphic Novel-Ausgabe von Fahrenheit 451 komme, möchte ich noch kurz auf die beiden Hauptprobleme eingehen, die ich mit dem Original hatte:
1.) Ich mag Ray Bradburys Schreibstil nicht; um genau zu sein empfinde ich seine Bilder und Vergleiche oft als aufgesetzt und gekünstelt. Das ging mir übrigens nicht nur bei der Lektüre von Fahrenheit 451, sondern auch bei Something Wicked This Way ComesSomething Wicked This Way Comes so (weswegen ich Die Mars-ChronikenDie Mars-Chroniken wohl auch nicht mehr lesen werde, obwohl mich der Klappentext wirklich neugierig macht!).
2.) Die Rahmenhandlung hat mich nicht überzeugt. Zensur und Vernichtung von Kunst war und ist in totalitären Systemen leider an der Tagesordnung und somit auch mit Sicherheit ein wichtiges und interessantes Thema in dystopischen Erzählungen. Aber Feuerwehrmänner, die Bücher verbrennen, statt Feuer zu löschen?! Ich fand und finde die Idee irgendwie … abstrus.

Auf der anderen Seite setzt sich Fahrenheit 451 mit Themen auseinander, die wohl leider nie ihre Relevanz verlieren werden: So war die Tendenz des Menschen, sich lieber unterhalten und berieseln zu lassen, statt aktiv gegen die Probleme der realen Welt zu kämpfen, bereits vor über 2000 bei den Römern hinreichend bekannt. Und auch die immer weiter fortschreitende Entfremdung des Menschen von der Natur und damit letztendlich auch von sich selbst ist mit Sicherheit aktueller denn je.
Aus diesem Grund muss ich, trotz oben genannter Kritikpunkte zugeben, dass Fahrenheit 451 seinen Platz in der Reihe dystopischer Klassiker absolut verdient hat.

Nun möchte ich aber endlich zu der Graphic Novel-Ausgabe kommen! Um es kurz zu machen: Meine Sorge, dass die Comicversion von Fahrenheit 451 genau den Aspekt des Romans vernachlässigen könnte, der mir gut gefallen hat – nämlich die eigentliche Thematik – hat sich nicht bestätigt. Das hat mich dermaßen überrascht, dass ich sogar das Original noch einmal gelesen habe, nur um festzustellen: Alle mir wichtig erscheinenden Dialoge wurden tatsächlich beinahe eins zu eins übernommen! Einzig eine Unterhaltung zwischen Mildred und ihren Freundinnen, in der es unter anderem darum geht, warum die meisten Frauen ihrer Generation keine Kinder mehr bekommen, wurde verkürzt und abgeändert wiedergegeben. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Graphic Novel-Ausgabe von Fahrenheit 451 durch ihren Fokus auf die Kernaussagen des Romans mehr Aktualität denn je gewonnen hat. Und auch Tim Hamiltons Bilder mit ihren großflächigen Schattierungen im Stil des Art Deco arbeiten sowohl Thematik als auch Stimmung der Erzählung hervorragend heraus.

Somit bleibt zwar das Problem mit der (für mich) abstrusen Rahmenhandlung von Fahrenheit 451 auch mit der Comic-Adaption weiterhin bestehen. Dafür wird aber mein anderer Kritikpunkt – Bradyburys Schreibstil – aufgrund der Eigenheit von Comics, Inhalt und Aussage nicht nur durch Wörter, sondern eben auch durch Bilder zum Ausdruck zu bringen, deutlich abgeschwächt. Anhänger von Bradburys Werken werden aus diesem Grund mit der Comic-Neuauflage vielleicht weniger anfangen können – obwohl der Autor selbst bekennender Comicfan ist und die Hamilton-Adaption von ihm auch abgesegnet wurde. Leute wie ich hingegen werden wohl eher darauf hoffen, dass es bald auch eine offizielle Adaption der Mars-ChronikenMars-Chroniken geben wird :))

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