Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre und Christian De Metter

Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre und Christian De Metter

„Undank ist der Welt Lohn“ wäre eine treffende Umschreibung für das Leben, das die französische Nachkriegsgesellschaft für die beiden Kriegsheimkehrer Albert Maillard und Édouard Péricourt in Pierre Lemaitres Wir sehen uns dort oben vorgesehen hat: Nachdem sie wie Millionen anderer einfacher Soldaten im Schlachthaus des 1.Weltkriegs Leben und Gesundheit für die Freiheit ihres Vaterlandes riskiert haben, müssen sie nun feststellen, dass eben dieses keine Verwendung mehr für sie und ihre Kameraden zu haben scheint.

Das gilt vor allem für Édouard: Ihm wurde in einer der letzten Schlachten des Krieges, die in ihrer Sinnlosigkeit geradezu beispielhaft für den Irrsinn von Verdun zu sehen ist, der Unterkiefer von einem Granatsplitter zerfetzt. Da er in diesem Zustand nicht zu seiner einflußreichen Familie zurückkehren möchte, bittet er Albert, ihm eine neue Identität zu verschaffen. Der ist von der Idee zwar alles andere als angetan, willigt letztendlich jedoch ein. Schließlich war es Édouards Versuch, den verschütteten Albert aus einem Granattrichter zu befreien, der zu seiner grauenhaften Verletzung geführt hat.
Auch nach Édouards Untertauchen kümmert sich Albert aufopferungsvoll um den Versehrten, der weder sprechen noch essen kann und aufgrund andauernder starker Schmerzen Morphium-abhängig geworden ist. So wird aus den beiden Kriegsheimkehrern schnell eine Schicksalsgemeinschaft, die schon bald den Wunsch verspürt, sich an der Gesellschaft zu rächen. Denn die möchte den Krieg mit all seinen Opfern am liebsten einfach vergessen und so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren. Doch das ist Édouard nicht möglich: So weigert er sich standhaft, eine Unterkieferprothese zu tragen und verschanzt sich stattdessen lieber mit selbst entworfenen grotesken Masken in der ärmlichen Wohnung, die Albert für Sie angemietet hat. Als die Regierung beginnt, den Bau von Kriegsdenkmälern auszuschreiben, um somit das kollektive schlechte Gewissen gegenüber den Veteranen und Hinterbliebenen zu beruhigen, sieht er die Zeit gekommen, seinen Rachegedanken auch Taten folgen zu lassen …

Das im deutschsprachigem Raum vom Splitter Verlag herausgegebene Comicalbum Wir sehen uns dort oben basiert auf Lemaitres gleichnamigen Roman, für den er 2013 den Prix Goncourt erhalten hat. Der Autor war selbst für die Comic-Adaption verantwortlich, was sich bei der Lektüre auch deutlich bemerkbar macht: Obwohl er De Metter viel Raum für seine wunderschönen Zeichnungen überlässt und die Romanvorlage über 500 Seiten stark ist, schafft es die daraus resultierende, eher wortkarg gehaltene Graphic Novel, das Wesentliche des Originals treffend wiederzugeben.
Mich hat allerdings überrascht, wie sehr De Metters Illustrationen die Stimmung von Wir sehen uns dort oben beeinflussen: Der Splitter Verlag verortet die Geschichte der Vorlage irgendwo zwischen Schwejkiade und galliger Groteske. Und tatsächlich musste ich beim Lesen des Originals hin und wieder an den braven Soldaten Schwejk denken, so naiv und einfältig wie Albert durch die Geschichte stolpert und dabei doch so manch brenzlige Situation unbeschadet übersteht. Die Stimmung im Comicroman habe ich jedoch anders wahrgenommen. Zwar wird Albert mit seinem sanften, häufig etwas ungläubig dreinblickendem Gesicht ebenfalls eher naiv porträtiert, doch irgendwie fehlt hier die schelmenhafte Leichtigkeit, die das Original versprüht. Stattdessen scheint Wert darauf gelegt worden zu sein, das Groteske der Geschichte mehr zum Tragen zu bringen: So zeigt z.B. ein Panel wie Édouard, eine seiner bizarren Masken tragend, ausgelassen mit dem Nachbarsmädchen Louise tanzt. Diese Szene verkörpert trotz ihrer zur Schau gestellten Fröhlichkeit perfekt auch das Hässliche und Melancholische – eben das Groteske – dieser Erzählung.

Was ich mit all dem sagen möchte: Es lohnt sich durchaus, beide Versionen von Wir sehen uns dort oben zu lesen. Das spritzige, schelmenhafte Original, das sich viel Zeit für die bissige Darstellung der französischen Nachkriegsgesellschaft nimmt. Und dieses wunderschön bebilderte Album, das bisweilen dem Grotesken, Melancholischem der Geschichte etwas mehr Platz einräumt!

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