Gift von Peer Meter und Barbara Yelin

Gift von Peer Meter und Barbara Yelin

Was mag wohl in einem Menschen vorgehen, der nach und nach all jene umbringt, die ihm nahe stehen? Eltern, Geschwister, Partner – sogar die eigenen Kinder? In Gift versucht Peer Meter gar nicht erst, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Stattdessen konzentriert er sich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zuzeiten des Biedermeier, die einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen haben, dass Gesche Gottfried 14 Jahre lang unbehelligt Familie, Freunde und Nachbarn vergiften konnte.

Erzählt wird die Geschichte der berühmten Bremer Giftmörderin aus der Perspektive einer jungen Schriftstellerin, die in die Stadt gekommen ist, um im Auftrag eines Verlegers einen Reisebeschreibung über die freie Hansestadt zu schreiben. Gleich bei der Ankunft muss sie feststellen, dass Bremen sich im Ausnahmezustand befindet: Es ist der 20. April 1831 und die Hinrichtung der Gesche Margarethe Gottfried auf dem Domplatz steht unmittelbar bevor. Zu diesem „Spektakel“ sind Tausende Menschen angereist, nur mit Glück lässt sich noch eine Unterkunft finden. Aufgrund der offen zur Schau gestellten Feindseligkeit, die die Bremer ihr als alleinreisende und berufstätige junge Frau entgegenbringen, gerät die Ausführung ihres ursprünglichen Auftrags schnell in Vergessenheit und sie fängt widerwillig an, Nachforschungen über Gottfrieds Leben zu stellen …

Peer Meter hat sich sehr intensiv mit der Geschichte der Gesche Gottfried auseinandergesetzt – was alleine an der Tatsache zu erkennen ist, dass er zu diesem Thema bereits ein Sachbuch und ein Drama veröffentlicht hat. So wundert es nicht, dass er sich in Gift wesentlich genauer an die historischen Begebenheiten hält als in den anderen beiden Bänden der Serienmörder Trilogie. Es werden nicht nur Auszüge der Verhörprotokolle originalgetreu wiedergegeben, sondern auch zwei historische Personen in den Handlungsverlauf des Comics eingebunden, die gut dokumentierten Zugang zu der inhaftierten Giftmörderin hatten: Gottfrieds Pflichtverteidiger Friedrich Leopold Voget und ihr zeitweiliger Gefängnisseelsorger Pastor Heinrich Wilhelm von Rotermund.

Auch auf die Darstellung der biedermeierlichen Weltanschauung wird sehr viel wert gelegt: So wird der Schriftstellerin gleich von mehreren Bremer Bürgern deutlich gemacht, was sie von einer alleinreisenden jungen Frau mit beruflichen Ambitionen halten: Eine Frau hatte sich schlicht und ergreifend am heimischen Herd und bei der Handarbeit zu entfalten, ihr Glück in der Familie zu suchen. Eigene Ambitionen, Interessen – gar Intelligenz – wurden ihr kurzerhand abgesprochen.
So lässt sich auch die Vehemenz erklären, mit der eine psychische Erkrankung Gottfrieds von vornherein als Motiv für ihre Taten ausgeschlossen wurde. Und wie sie überhaupt so lange ungehindert Menschen aus ihrem nächsten Umfeld mit „Mäusebutter“ – einem Gemisch aus Arsenik und Schmalz – meucheln konnte, ohne dass jemand ernsthaft Verdacht zu schöpfen schien. Ihr Handeln passte nicht in das damalige Frauenbild – frei nach dem Motto „weil nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Auf die Auswirkungen des biedermeierlichen Weltbilds auf den Prozessverlauf geht Peer Meter übrigens auch kurz in dem historischen Überblick ein, den er – wie bei Haarmann und Vasmers Bruder auch – dem Buch hinzugefügt hat.

Was Gift neben dem von Meter gekonnt entworfenem Szenario aber besonders aus der Masse der Graphic Novels herausstechen lässt, sind Barbara Yelins wunderbare Bleistiftradierungen. Durch die aufwendig schraffierten und verwischten Schattierungen der einzelnen Panels entsteht eine dichte, schaurige Atmosphäre: Bremen und seine Bewohner wirken herrlich düster und kalt. Gesichtszüge werden häufig nur angedeutet; die daraus resultierende Maskenhaftigkeit versinnbildlicht die Gefühlskälte und Gleichgültigkeit, mit denen das Bremer Bürgertum Gesche Gottfried und ihren Opfern begegnete.

Gift ist wirklich ein ganz außergewöhnlicher Comicroman, der sowohl mit seinem Mix aus True Crime und Sittengemälde, als auch mit recht eigenwilligen Bleistiftradierungen zu gefallen weiß. Damit gehört der Band für mich ganz klar zu der Kategorie „Graphic Novels, die man auch Nicht-Comic-Interessierten wärmstens empfehlen kann“!

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