Jenseits von Fabien Vehlmann & Kerascoët

Jenseits von Fabien Vehlmann und Kerascoët

Alte Frauen, die bei lebendigem Leib gefressen oder verbrannt werden, Vergewaltigungen und Nekrophilie – so manch ein besorgtes Elternteil wird sich mit Sicherheit schon gefragt haben, ob das Vorlesen aus den Haus- und Kindermärchen der Gebrüder Grimm nicht zu bleibenden Schäden bei ihrem Nachwuchs führen wird. Und tatsächlich waren Schneewittchen und Co. mitsamt ihrer schwarzen Pädagogik nach dem 2. Weltkrieg bis weit in die 70er Jahre hinein bei vielen Eltern verpönt. Es wurden in diesem Zeitraum sogar wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die behaupteten, dass die deutschen Kinder durch den regelmäßigen Genuss von Grimms Märchen über Generationen hinweg systematisch zur Grausamkeit erzogen worden seien und dass dies letztendlich in den 30er Jahren dem Nationalsozialismus Tür und Tor geöffnet hätte.

Heute weiß man jedoch, dass das immer gleiche Schema, nach dem Märchen funktionieren, wichtig für die kindliche Entwicklung ist. Die Tatsache, dass die Guten einige Hindernisse überwinden müssen, bevor sie glücklich bis an ihr Lebensende leben können, während die Bösen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, bietet nicht nur moralische Orientierung, sondern macht auch klar: Das Leben ist nicht immer nur sonnig und schön, man muss auch mal für sein Glück kämpfen können!

Was jedoch, wenn all die hochnäsigen Prinzessinnen und mutigen Helden ihrer erzähltechnischen Funktion beraubt und stattdessen ziel- und orientierungslos in einer feindliche Umgebung ausgesetzt werden? Diese Frage haben sich Fabien Kehlmann und Kerascoët (das ist das Pseudonym des Künstlerduos Marie Pommepuy und Sébastien Cosset) in Jenseits gestellt.

Der Comicroman, der jahrelang vergriffen war und 2016 von Reprodukt
neu aufgelegt wurde, beginnt mit dem Tod eines kleinen Mädchens mitten im Wald. Erleben tut der Leser dieses traurige Ereignis allerdings aus der Sicht niedlicher kleiner Wesen – den Erinnerungen und Gefühlen des Mädchens, die in die Gestalt von Märchenfiguren hineinprojiziert wurden. Gegen ihren Willen müssen die winzigen Helden, Prinzessinnen, Monster und Hofangestellten nun ihren Wirt durch Ohren, Mund und Nase verlassen und sich in einer ihnen unbekannten Umgebung zurechtfinden. Und schnell wird klar: Die wenigsten von ihnen sind für ein Leben in freier Wildbahn geschaffen!
Das liegt vor allen Dingen daran, dass die kleinen Geschöpfe stur den Verhaltensmustern folgen, die ihnen in ihrer ursprünglichen Märchenwelt-Existenz zugedacht waren – selbst wenn diese in der freien Natur den sicheren Tod bedeuten. So kann die kaltherzige Prinzessin nicht anders, als ihren Hofstaat um sich zu sammeln um eine standesgemäße Hochzeit abzuhalten, während der Rest ihrer Untertanen unter freiem Himmel hungert. Und ein Held muss sich nun mal beweisen, selbst wenn die gestellte Aufgabe noch so absurd und tödlich ist. Der Erkenntnisgewinn aufseiten der niedlichen Wesen? Null. Und so fallen sie nach und nach auf immer grausamere Weise ihrer jeweiligen Rolle zum Opfer.

Das Ganze wirkt durch den hinreißend niedlichen Zeichenstil von Kerascoët besonders bizarr: Die hübschen Aquarellzeichnungen könnten nämlich – abgesehen natürlich von ihrem Inhalt – genauso gut aus einem Kinderbuch stammen (ehrlich gesagt musste ich aufgrund der teilweise doch recht kreativen Todesarten im Kawaii-Stil mehr als nur ein Mal an die Happy Tree Friends denken).

Was uns Fabien Vehlman und Kerascoët mit Jenseits sagen wollen? Ich habe keine Ahnung! Denn die Rahmenhandlung folgt selbst dem klassischen Erzählschema von Märchen – und hat mich dabei auch sehr an Hänsel und Gretel erinnert: Nicht nur, dass hilflose kleine Geschöpfe mitten im Wald ausgesetzt werden; es kommen auch noch eine einsame Hütte und ein Ofen darin vor …

Vielleicht handelt es sich bei Jenseits also um ein Märchen, dass sich über das moralinsaure und vorhersehbare Erzählschema von Märchen lustig macht, nur um dieses dann mit einem Augenzwinkern selbst zu erfüllen? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch weiß: Jenseits war mein persönliches Comic-Highlight des Jahres 2016!

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