Jenseits von Fabien Vehlmann & Kerascoët

Jenseits von Fabien Vehlmann und Kerascoët

Alte Frauen, die bei lebendigem Leib gefressen oder verbrannt werden, Vergewaltigungen und Nekrophilie – so manch ein besorgtes Elternteil wird sich mit Sicherheit schon gefragt haben, ob das Vorlesen aus den Haus- und Kindermärchen der Gebrüder Grimm nicht zu bleibenden Schäden bei ihrem Nachwuchs führen wird. Und tatsächlich waren Schneewittchen und Co. mitsamt ihrer schwarzen Pädagogik nach dem 2. Weltkrieg bis weit in die 70er Jahre hinein bei vielen Eltern verpönt. Es wurden in diesem Zeitraum sogar wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die behaupteten, dass die deutschen Kinder durch den regelmäßigen Genuss von Grimms Märchen über Generationen hinweg systematisch zur Grausamkeit erzogen worden seien und dass dies letztendlich in den 30er Jahren dem Nationalsozialismus Tür und Tor geöffnet hätte.

Heute weiß man jedoch, dass das immer gleiche Schema, nach dem Märchen funktionieren, wichtig für die kindliche Entwicklung ist. Die Tatsache, dass die Guten einige Hindernisse überwinden müssen, bevor sie glücklich bis an ihr Lebensende leben können, während die Bösen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, bietet nicht nur moralische Orientierung, sondern macht auch klar: Das Leben ist nicht immer nur sonnig und schön, man muss auch mal für sein Glück kämpfen können!

Was jedoch, wenn all die hochnäsigen Prinzessinnen und mutigen Helden ihrer erzähltechnischen Funktion beraubt und stattdessen ziel- und orientierungslos in einer feindliche Umgebung ausgesetzt werden? Diese Frage haben sich Fabien Kehlmann und Kerascoët (das ist das Pseudonym des Künstlerduos Marie Pommepuy und Sébastien Cosset) in Jenseits gestellt.

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Gift von Peer Meter und Barbara Yelin

Gift von Peer Meter und Barbara Yelin

Was mag wohl in einem Menschen vorgehen, der nach und nach all jene umbringt, die ihm nahe stehen? Eltern, Geschwister, Partner – sogar die eigenen Kinder? In Gift versucht Peer Meter gar nicht erst, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Stattdessen konzentriert er sich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zuzeiten des Biedermeier, die einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen haben, dass Gesche Gottfried 14 Jahre lang unbehelligt Familie, Freunde und Nachbarn vergiften konnte.

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Vasmers Bruder von Peer Meter und David von Bassewitz

Vasmers Bruder von Peer Meter und David von Bassewitz

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Mit diesem weltbekannten Zitat Friedrich Nietzsches leitet Peer Meter den letzten Band seiner Serienmörder Trilogie ein. Und tatsächlich: In Vasmers Bruder geht es weniger um den Serienmörder und Kannibalen Karl Denke als um die Frage, was das Erforschen solcher Gräueltaten mit der Psyche eines Menschen anrichten kann.
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Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre und Christian De Metter

Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre und Christian De Metter

„Undank ist der Welt Lohn“ wäre eine treffende Umschreibung für das Leben, das die französische Nachkriegsgesellschaft für die beiden Kriegsheimkehrer Albert Maillard und Édouard Péricourt in Pierre Lemaitres Wir sehen uns dort oben vorgesehen hat: Nachdem sie wie Millionen anderer einfacher Soldaten im Schlachthaus des 1.Weltkriegs Leben und Gesundheit für die Freiheit ihres Vaterlandes riskiert haben, müssen sie nun feststellen, dass eben dieses keine Verwendung mehr für sie und ihre Kameraden zu haben scheint.

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In the Pines – 5 Murder Ballads von Erik Kriek

In the Pines – 5 Murder Ballads von Erik Kriek

Erik Kriek, ein niederländischer Zeichner und Designer, hat bereits mit seiner H.P. Lovecraft-Adaption Vom Jenseits und andere ErzählungenVom Jenseits und andere Erzählungen bewiesen, dass er nicht nur ein Faible, sondern auch ein Händchen für das Abgründige und Abseitige hat. Nun hat er sich mit In the Pines dem Genre der Mörderballaden – auch Moritaten genannt – zugewandt. Moritaten, die im wahrsten Sinne des Wortes von „Mordstaten“ handeln, basieren meist auf tatsächlichen Ereignissen, die häufig aus Sicht des Mörders geschildert werden und dabei dessen Schuld und manchmal auch Reue thematisieren.
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Das Zeichen des Widders von Fred Vargas und Edmond Baudoin

Als ich vor ein paar Jahren mit der Lektüre von Die dritte JungfrauDie dritte Jungfrau von Fred Vargas begann, wurde mir bereits nach wenigen Seiten klar, dass ich soeben eine neue Lieblingsautorin entdeckt hatte: Das Buch war ein Geschenk gewesen und ich hatte mich auf einen herkömmlichen Krimi eingestellt. Wer aber schon mal einen Blick in ein Buch von Fred Vargas geworfen hat, weiß, dass die Autorin nicht viel mit herkömmlichen Handlungsverläufen oder konventionellen Charakteren am Hut hat. Und so wurde auch ich schnell von den seltsamen, aber faszinierenden Ermittlungsmethoden des Kommissar Adamsberg in den Bann gezogen und es landeten nach und nach weitere Bücher dieser Reihe auf meinem Nachttisch … So kam es dann auch, dass ich während einer meiner Streifzüge durch diverse Buchhandlungen schließlich auf Das Zeichen des Widders gestoßen bin – eine Graphic Novel von Fred Vargas, illustriert von der französischen Comiclegende Baudoin!
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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury und Tim Hamilton

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury und Tim Hamilton

Ich muss gestehen, dass ich dem momentanen Hype, Klassiker als Graphic Novels neu aufzulegen, durchaus kritisch gegenüberstehe: Nur weil etwas in einem Medium ein Meisterwerk ist – oder auch einfach nur auf einer Bestseller-Liste gelandet ist – muss es nicht immer gleich in ein anderes Medium übertragen werden; ein Problem, das vielen Filmfans bekannt vorkommen dürfte! Aber im Fall von Fahrenheit 451 hat dann doch meine Neugierde gesiegt. Schließlich hatte ich mit dem Original (dessen Lektüre schon ein Weilchen zurückliegt) so meine Probleme und wollte nun doch gerne wissen, ob die Comic-Adaption dazu in der Lage ist, meinen damaligen Eindruck zu revidieren.
Aber von vorne …
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Locke & Key von Joe Hill und Gabriel Rodriguez

Locke & Key von Joe Hill und Gabriel RodriguezLocke & Key von Joe Hill und Gabriel Rodriguez

In der Neurowissenschaft gibt es den Begriff der „neuronalen Plastizität“: Einschneidende Erlebnisse beeinflussen die synaptischen Verschaltungen in unserem Gehirn, die sich wiederum auf unser Denken und Fühlen auswirken. Vereinfacht ausgedrückt: Die Persönlichkeit eines Menschen wird maßgeblich durch die Summe seiner Erfahrungen geprägt. Ist somit die Entwicklung vorgegeben, wenn man als Kind ein schweres Trauma durchlitten hat? Oder hat man bei der eigenen Identitätsfindung mehr Handlungsspielraum, als es die moderne Wissenschaft suggeriert? Um diese Fragen kreist die grandiose 6-teilige Comic-Reihe Locke & Key der beiden Ausnahmekünstler Joe Hill und Gabriel Rodriguez.

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Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz

Haarmann von Peer Meter und Isabel KreitzHaarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz

„Warte, warte nur ein Weilchen / dann kommt Haarmann auch zu Dir / mit dem kleinen Hackebeilchen macht er / Schabefleisch aus Dir.“

Die erste Strophe des sogenannten Haarmann-Liedes konnte zuzeiten der Weimarer Republik wohl jedes Kind mitsingen; und auch heute noch zählt der „Vampir von Hannover“ zu den bekanntesten deutschen Serienmördern des 20. Jahrhunderts. Es wundert daher nicht, dass sowohl die Person Fritz Haarmann als auch seine Taten bereits mehrfach künstlerisch aufgearbeitet wurden (z.B. in dem Film Der Totmacher mit Götz George in der Hauptrolle). Auch Peer Meter hat in seiner Serienmörder Trilogie dieses düstere Kapitel neuerer deutscher Geschichte aufgegriffen und dabei insbesondere den gesellschaftlichen Kontext beleuchtet, der die Verbrechen in diesem Ausmaß überhaupt erst ermöglicht hat.

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Persepolis von Marjane Satrapi

Persepolis von Marjane SatrapiPersepolis von Marjane Satrapi

Zugegeben: Mein Bild des heutigen Iran ist geprägt von den Schlagzeilen der deutschen Presse, und die handeln meist von Wirtschaftssanktionen, Atomstreit oder der Unterdrückung des iranischen Volkes durch den Wächterrat. Dazu eine ordentlich Prise orientalischer Exotik aus den Tagen des persischen Großreiches, perfekt inszeniert in Filmen wie AlexanderCover zum Film Alexander, und fertig ist das Gemisch aus Klischees und Vorurteilen, das wohl den meisten Europäern im Kopf herumwabern dürfte, wenn es um dieses geschichtsträchtige Land geht. Höchste Zeit also, das zu ändern!

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